Hans Jörg Stetter,


Dienstag, 8. April 1930. Der Chronist notiert: Berlin, Parteivorstand und Parteivertretung der Deutschnationalen Volkspartei sprechen Alfred Hugenberg als dem Parteivorsitzenden einstimmig das Vertrauen aus. Hugenbergs Stellung wurde am 3. April erschüttert, als der Politiker sich mit seiner regierungsfeindlichen Haltung innerhalb der DNVP-Fraktion im Reichstag nicht durchsetzen konnte. Anderes fand der Chronist nicht wert zu erwähnen. Aber: An diesem 8. April 1930 wird Hans Jörg Stetter geboren.

Ist es Zufall? Nur wenige Tage später wird in Berlin der deutsch-österreichische Handelsvertrag unterzeichnet. Österreich darf ab sofort seine Industrieerzeugnisse bevorzugt (zollfrei) und ohne Einschränkungen in das Deutsche Reich einführen. Kurz zuvor Uraufführung des Films "Der blaue Engel" in Berlin. Die verfilmte Tragödie des unglückseligen Professors Unrat wird zum Beginn einer anderen großen Karriere, der von Marlene Dietrich. Und der Professor Unrat? Der ist eine Art Gegenentwurf zum Jubilar.

Schlaglichter von 1930: Im Juni des Jahres wird am Massachusetts Institute of Technology der erste Großrechner, gebaut von Vannevar Bush, in Betrieb genommen. Ein elektromechanischer Analogrechner zur graphisch-numerischen Integration von Differentialgleichungen. In Berlin findet die zweite Weltkraftkonferenz statt. 48 Nationen nehmen teil. Der greise Thomas Alva Edison, der große Erfinder, reist eigens zu dieser Konferenz von New York nach Berlin. Für einen alten Mann eine damals sehr beschwerliche Reise. Albert Einstein hält auf der Konferenz einen Vortrag über das "Raum-, Feld- und Ätherproblem in der Physik". Der theoretische Physiker Einstein war anders als viele seiner Kollegen sich nie zu schade, zu eminent wichtigen praktischen Fragen Stellung zu beziehen, und er sieht in der Konferenz eine verheißungsvolle Manifestation der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeiten der Nationen. Reichspräsident von Hindenburg richtete eine Botschaft an die Vertreter der 48 teilnehmenden Nationen:
... Die Versorgung mit Kraft, Licht und Wärme in immer neuen ... Formen wird sich als ein wirksames Mittel erweisen, die Wirtschaftstätigkeit der Völker zu beleben, die Arbeitslosigkeit zu mindern und so den Störungen entgegenzuwirken, unter denen heute das Wirtschaftsleben fast aller Länder leidet.

Das könnte auch von 2005 sein.

Der monumentale Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" erscheint. Die Hauptfigur des Werkes, Ulrich, durchläuft viele Inkarnationen. Vor allem und zunächst die eines Mathematikers. Geschrieben hatte den Roman Robert Musil, der große, mit visionärer Kraft ausgestattete Dichter, einen der allerklügsten Menschen hat man ihn genannt. Wien war damals eine von Talenten überquellenden Stadt.
Der Dipl.-Ing. Musil hatte in Berlin Philosophie und Mathematik studiert und dort über den großen österreichischen Physiker Ernst Mach promoviert; den mathematischen Teil seiner Doktorprüfung absolvierte er bei Hermann Amandus Schwarz, dem Nachfolger von Karl Weierstraß. Mann ohne Eigenschaften? Musil hatte die Werke eines großen Denkers des Abendlandes aus dem 14. Jahrhundert, des Dominikanermönchs Eckhart von Hochheim aus Thüringen, genannt Meister Eckhart, studiert und die Radikalität der Philosophie des Dominikanermönchs ist nicht ohne Einfluß auf Musil geblieben. In den Werken Meister Eckharts und in seinen von höchster Spiritualität erfüllten Predigten weist der Begriff, das Attribut "ohne Eigenschaften" zu sein, auf Transzendenz. Wörter wie "Begriff", "Eigenschaft" und viele andere mehr sind von Meister Eckhart für die deutsche Sprache geprägt worden.

Musil über Mathematik: Man kann die Mathematik eine geistige Idealapparatur nennen, mit dem Zweck alle ... möglichen Fälle prinzipiell vorzudenken ... Dieses Dasein, das um uns läuft, ...steht, ist nicht nur für eine Einsehbarkeit von der Mathematik abhängig, sondern ist effektiv durch sie entstanden, ruht in seiner Existenz auf ihr ...

In ein solches Dasein wird Hans Jörg Stetter hineingeboren. Keine leichte Zeit damals, aber er hat Glück mit seinem Elternhaus in München. Die Sterne standen günstig.

1930 erhebt sich auch das Junckers Flugzeug JU 52 zum erstenmal in die Luft. Flugzeuge wurden damals ausschließlich nach Ergebnissen von Versuchen im Windkanal konstruiert. Heute werden sie nach mathematischen Gesetzen im Computer entworfen. Und Hans Jörg Stetter sollte dazu wichtige Beiträge leisten, aber das wird viel später sein. Und auch die oben genannten anderen Ereignisse von 1930, sie haben alle irgendwie mit dem späteren Wirken von Hans Jörg Stetter zu tun. Die Wahl seines Geburtsjahres ersparte ihm viel. Viele seiner nur wenig älteren Schulkollegen fielen im Krieg, haben ihr Leben hingeben müssen für nichts.

Stetter studiert in München Mathematik und Physik. Dort, an der Universität, lehrten hoch renommierten Mathematiker, die Geheimräte Perron, Tietze, Carathéodory und Sommerfeld, der Physiker. Integre, lautere Persönlichkeiten.
Perron und Tietze, klein von physischer Gestalt besaßen sie den Mut von Löwen. Furchtlos hatte Perron auf einer mathematischen Tagung in den 40er Jahren in Wien in einem flammenden, aufrüttelnden Appell die Verfolgung der jüdischen Kollegen als Schande für Deutschland angeprangert. Die Zuhörer waren gelähmt vor Angst und Entsetzen und erwarteten für Perron (und auch für sich) das schlimmste. Es geschah aber nichts. Zunächst noch nichts. Aus aufgefundenen Aktenvermerken der Nazi-Zeit weiß man, daß mit der, so heißt es dort, "reaktionären Brut" in München, den Tietzes, Perrons, Sommerfelds nach dem Endsieg kurzer Prozeß gemacht wird"; in concreto: Galgen oder Fallbeil. Nach dem Krieg wird Albert Einstein nach München schreiben: Lieber Sommerfeld, es war eine wirkliche Freude für mich, Ihre leibhaftigen Zeilen nach all den finsteren Jahren zu empfangen ... Ich habe mit Freude gehört, daß Sie zu den paar Einzelnen gehört haben, die standhaft geblieben sind ... Diese akademischen Lehrer haben Hans Jörg Stetter geprägt.

Stetter wechselt später an die Technische Hochschule München. Dort wirkte der gleichfalls hochrenommierte Mathematiker Robert Sauer. Den hatte nach dem Krieg eine amerikanische Delegation mit den Worten begrüßt: Ihr Buch ist unsere Bibel! Die Bibel? Ein Buch über Gasdynamik, genauer mathematische Gasdynamik. Mitten im Kriege war es 1943 gedruckt worden, und gleich auf die andere Seite der Front geraten. Noch im Krieg wird es ins Englische und Russische übersetzt. Man konnte das Buch kurz darauf in New York und Moskau kaufen, in der jeweiligen Landessprache. Eine französische Übersetzung kam hinzu.

Stetter tritt in Sauers Diensten und promoviert 1955 mit einem Thema aus der Gasdynamik: Beiträge zum Wechselwirkungsproblem in linearisierter Überschallströmung. Heuer, 2005, kann Stetter sein goldenes Doktorjubiläum feiern. In der Folge erscheinen weitere Arbeiten Stetters zu Themen aus der Gasdynamik. Schließlich seine Habilitationsschrift: Numerische Charakteristiken -- Verfahren hoher Genauigkeit für quasilineare Differentialgleichungen vom hyperbolischen Typ.

Sauer hat großes Vertrauen zu Stetter, und Stetter wird bald seine rechte Hand, begleitet Sauer auf wichtigen Reisen. Unter Sauers Assistenten ist Stetter unangefochten der neidlos anerkannte primus inter pares. Stetter kümmert sich um alles, hilft uneigennützig, nimmt Fehler, die andere machen, auf sich und steckt dafür manches Donnerwetter des Chefs ein. Sauer war nicht nur ein sehr bekannter Mathematiker der angewandten Richtung, er verfügte auch über exzellente Beziehungen in das Bayerische Finanzministerium. Er, ein Mann mit großem Weitblick, wollte einen programmgesteuerten Digitalrechner bauen, und man gewährte ihm dafür 1 Million DM, 1954 eine Unsumme Geldes. Der Rechner wird gebaut, und Stetter ist auch daran indirekt und direkt beteiligt.
Renommierte ausländische Wissenschaftler privater und staatlicher Institutionen waren in den 60er Jahren ständig Gäste am Mathematischen Institut der Technischen Hochschule, gingen ein und aus. Zu einer Zeit, von der Ideologen heute behaupten, sie sei rückständig und voller Muff gewesen. Einmal suchte der Forschungsleiter der Turbinenabteilung von General Electric bei Sauer und Mitarbeitern Rat, wie Turbinenschaufeln optimal gestaltet werden könnten. Heute, nach Dutzenden politisch erzwungener universitärer Reformen (?), die dem Fortschritt in der Forschung dienen sollten, kommen weniger Leute.

Stetter zeichnete sich nicht nur durch seine mathematischen Leistungen aus, die Sauer beeindruckten, er verfügte daneben auch über beträchtliches Organisationstalent. Der Weltkongreß der International Federation of Information Processing IFIP findet 1962 zum erstenmal in Deutschland, in München, statt, und Stetter ist auf Wunsch Sauers einer der Mitorganisatoren. Präsident Auerbach findet nach Abschluß des Kongresses nur Lobeshymnen für die vorzüglich geleistete Arbeit.

Daneben aber und vor allem laufen Stetters wissenschaftliche Arbeiten. Er arbeitet über partielle Differentialgleichungen vom hyperbolischen Typ, untersucht die Konvergenz von Differenzenverfahren auf einem Netz von Charakteristiken, arbeitet über starke und schwache Stabilität bei Diskretisierungsalgorithmen, über das Verhalten von Prädiktor-Korrektor-Verfahren, und wieder über partielle Differentialgleichungen. Stetter wird zum Mitbegründer einer neuen mathematischen Disziplin, der Numerischen Mathematik. Ohne die stete Förderung des einflußreichen Sauer wäre das in München nicht möglich gewesen. Das war nicht überall so. Nicht wenige andere Universitäten im deutschsprachigen Raum verhielten sich, was die Unterstützung dieser Art angewandter Mathematik betrifft, restriktiv bis ablehnend. Der Exodus der 30er Jahre von klugen und klügsten Mathematikern dieser Richtung wirkte in Deutschland immer noch nach und war schmerzlich spürbar. Nicht so an der TH München. Die jungen Mathematiker konnten hier wie unter einer schützenden Glocke arbeiten.

Stetter wird durch seine bedeutenden Arbeiten im Inland und Ausland bekannt, sein wissenschaftliches Ansehen steigt. Und er erhält ehrenvolle Rufe. Den auf eine Lehrkanzel der Technischen Hochschule Wien als ord. Hochschulprofessor für Rechentechnik nimmt er an. In Wien führt er sich mit einem eindrucksvollen Vortrag über Mathematik und Kalkül ein, spricht über die Beweisbarkeit mathematischer Lehrsätze durch Computer, und auch über den berühmten Unvollständigkeitssatz des Wieners Kurt Goedel. In diesem Vortrag zeigt sich Stetter weit vorausschauend, beschreibt Dinge, die Jahrzehnte später Wirklichkeit werden sollten. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft vom Computer, der Informatik -- der Name wurde aus dem Französischen übernommen -- lag damals in der Luft. Man kann die Informatik als eine Tochter der Mathematik ansehen. Und wie so häufig ist die Tochter wohlhabender geworden als es die Mutter war und immer noch ist. Aber das gehört eigentlich nicht hierher. Bei der zeitgerechten Einführung dieser neuen Lehrgebiete an die Hohen Schulen Österreichs hat Hans Jörg Stetter eine Schlüsselrolle gespielt, freilich eher im Verborgenen, und nur wenige wußten davon. Es war wie so oft: Die Sterne standen günstig und der rechte Mann, Stetter, war zur rechten Zeit am rechten Ort, und zwar mit dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Klaus.

In den letzten Jahren hat Stetter Gedanken von damals wieder aufgegriffen. Sein wissenschaftliches Interesse richtete sich auf die Computer-Algebra. Ihr Einsatz erweitert abermals die Möglichkeiten, die heutige Rechner bei der Lösung schwieriger praktischer Probleme bieten. Stetters neuestes Lehrbuch dazu, Numerical Polynomial Algebra, ist vor kurzem erschienen.

Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses von Stetter standen aber über Jahrzehnte die Differentialgleichungen. Zwar kennt die Mathematik seit langem Existenz- und Eindeutigkeitssätze zumindest für die Lösungen bei Anfangswertaufgaben, aber das genügte nicht. Das eigentliche Problem ist die Gewinnung expliziter numerischer Lösungen -- an analytische Lösungen ist hier überhaupt nicht zu denken. Die Idee, das dem Computer zu überlassen -- man hört das gelegentlich sogar von Mathematikern (!) - ist naiv. Denn darum geht es ja, wie soll der Computer das machen? Und die zu behandelnden Systeme sind groß, riesengroß. Bei der Berechnung von Chips, den eigentlichen Bestandteilen eines Computers, müssen die Lösungen von bis zu 5 Millionen Differentialgleichungen bestimmt werden! Stetters umfangreiches wissenschaftliches Werk behandelt in zahlreichen wichtigen Arbeiten eine Fülle von Aspekten. Die Diskretisierung: dabei werden die Differentialgleichungen in Differenzengleichungen übergeführt, und die sind auf einem Computer lösbar. In seinen Arbeiten untersuchte er die Stabilität aller Arten von Diskretisierungen. Die Fehler, die bei Diskretisierungen auftreten und ihre Beherrschung, d.h. Genauigkeitsangaben, sind ein fast unübersehbares Feld, auf dem er erfolgreich tätig war. Asymptotische Entwicklungen nach dem Fehlerparameter h , die dazu dienen, die Lösung hinreichend genau zu approximieren, nehmen dabei einen wichtigen Platz in seinen Forschungen ein. Ebenso die Fehlereinschließung durch Intervallarithmetik.

Stetters Arbeiten waren einer ganzen Generation von numerischen Mathematikern Vorbild. Zahllose Anregungen sind von diesen Arbeiten ausgegangen, und sie haben die ganze Zunft beeinflußt. In Wien hat Stetter eine ganze Schule geschaffen.
Der Wissenschaftler Stetter ist in der internationalen Fachwelt hochangesehen. Als bedeutender Numeriker erhielt und erhält er Einladungen zu Vorträgen in alle Erdteile. Sein Rat ist gesucht. Und seine Frau hat über Jahrzehnte ohne Murren die Last getragen, mit einem Mathematiker verheiratet zu sein.
Stetters Vorlesungen, Vorträge und seine geschätzten Lehrbücher atmen von dem, was der berühmte deutsch-griechische Mathematiker Carathéodory meinte, als er schrieb: Eine mathematische Theorie lernt man am besten aus Beispielen.

Friedrich von Hardenberg, Salinenassessor in Weißenfels, Studium der Mathematik, auch der Mathematik, in Freiberg/Sachsen. Er soll vorzügliche Kenntnisse dieser Wissenschaft besessen haben, er, den man unter seinen Dichternamen NOVALIS kennt. Ein Feuerkopf, der Gedanken sprühte, und die Mathematik hat er hoch gerühmt. Das sei doch nur leere Lobpreisung der Mathematik und nichts wert, hat es in selbstgefälliger Beschränktheit von manchen deutschen Lehrstühlen getönt. Nein! Wir nehmen ihn ernst. Wer, außer großen Dichtern wie Musil, Novalis, könnte uns die tief verborgenen Wahrheiten über Mathematik offenbaren.

Novalis: Der Mathematiker weiß alles. Er könnte es, wenn er es nicht wüßte. Die Mathematiker sind die einzig Glücklichen.

Wir dürfen uns Hans Jörg Stetter als einen glücklichen Menschen vorstellen.