Liberec, radnice, 08. listopadu 2000

(Reichenberg, Rathaus, 08. November 2000)

 

           

Ansprache von Roland Zdeněk Bulirsch

 

 

Eure Magnifizenz Herr Rektor,

Exzellenz  Herr Botschafter,

Magnifizenzen,  Spektabilitäten,

Herr Oberbürgermeister der Stadt Liberec,

Verehrte Gäste, amici carissimi,

 

Die Technische Universität Liberec hat mich heute  ausgezeichnet.

Sie haben mir  außerordentliche und unerwartete Ehre erwiesen und mich heute geistig und symbolisch wieder heimgeholt  in die Stadt meiner Geburt, die ich in den langen Jahren der Abwesenheit nie vergessen hatte.

 

Kde domov můj[1]     Mitten in den deutschen Versen des Dichters Rainer Maria Rilke stehen diese Worte, in tschechischer Sprache! Rilke schrieb sein Gedicht, es ist fast 100 Jahre her, aus Verehrung für  Josef  Kajetan Tyl, den Schöpfer des tschechischen  Liedes, das Hymne  der tschechischen Republik wurde.

Die deutsche Fassung von Kde domov můj  stand in meinem Lesebuch. Nach dem Oktober 1938 mußte diese Stelle überklebt werden. Von der Hymne hatte ich  damals nicht viel  verstanden, ich war 7 Jahre alt, aber die hübschen Bilder mußten mit überklebt werden, und das hat mir leid getan. ­— Ein schönes tschechisches Lied, geschätzt  vom größten Lyriker der deutschen Sprache, Rainer Maria Rilke, mußte verstummen. Das waren  keine guten Zeichen für die Zukunft.

 

Aber wie kommt ein tschechischer Junge an ein deutsches Lesebuch und wie konnte aus diesem tschechischen Jungen  ein deutscher Gelehrter werden?

Der tschechische Vater  war 1936 gestorben. Meine Mutter, eine Deutsche mit einer tschechischen Mutter aus Ledeč , übersiedelte in das vorwiegend deutsche Maffersdorf (Vratislavice). In Maffersdorf/Neurode ging ich in die Schule. Nach dem tschechischen Kindergarten, jetzt eine deutsche Schule. Das war nicht schlimm. Deutsch sprechen hatte ich in der deutschen Umgebung gelernt. Ganz im Gegensatz zur heute überall verbreiteten Meinung lebten damals, in der ersten tschechischen Republik, die einfachen Deutschen und die einfachen Tschechen recht gut zusammen, und die Sprache wechselte man nach Bedarf.2 Das Leben war hart in den böhmischen Ländern, für Spintisiererei war kein Platz. Auch bei uns im Hause lebten tschechische Familien. Noch während der „deutschen“ Zeit hörte ich fast jeden Tag Tschechisch. So ganz „deutsch“ fühlte man sich auch nicht, eigentlich mehr „österreichisch“.

Die Deutschen Böhmens haben über Jahrhunderte immer nach Wien geblickt.  Dort war für sie die große Welt. Wien als unbewußtes Vorbild, in der ganzen  Zeit, in der ich in Böhmen lebte, habe ich es ständig aufs neue erfahren. Die k.k. Monarchie wurde in der Erinnerung verklärt. Was immer Wien tat, in Reichenberg wurde es bejubelt und nachgemacht.  1938 war das der Anfang vom Ende der Deutschen in Böhmen in diesem verfluchten Jahrhundert.

Meine tschechischen Verwandten in den ausschließlich tschechischen Dörfern „Hinter dem  Jeschken“  haben wir oft besucht. Die Mutter meines Vaters lebte dort, auch im Deutschen nur „Babička“ genannt; sie war eine  Nichte der  Schriftstellerin Karolina Světlá. Meine beiden Großmütter unterhielten sich dann stundenlang in tschechischer Sprache; ich verstand  bald nichts mehr,  die  tschechische Sprache hatte ich in der „deutschen“ Zeit allmählich verlernt.

 

1942, ich war 10 Jahre alt, schrieb der deutsche  Lehrer absichtlich lauter Vieren und Fünfen  und noch Schlimmeres in mein Zeugnis:  ich mußte  für immer  in der Volksschule, der untersten  Schule, bleiben.  Später wechselte ich die Klasse, ein neuer Lehrer war da, und die Vieren und Fünfen verwandelten sich alle in Einsen. Er war ein hervorragender Lehrer. Er lebt noch, ist heute, an diesem großen Tag für mich, hier im Festsaal.

 

1945 war alles vorbei. Unglücklich waren die Leute in meiner deutschen Umgebung nicht. Einige glaubten, es würde so werden wie früher in der ersten Republik. Das war naiv,  aber die meisten waren  ja unpolitische, schlichte Menschen, ohne große Erfahrung. Es kam ganz anders.

Tschechisch lernte ich wieder sehr schnell, konnte es bald ohne Akzent sprechen.  Mein Bruder und ich erhielten  die „besseren“ tschechischen Lebensmittelkarten. Meine Mutter nicht, sie hatte inzwischen einen Deutschen geheiratet, der in der ersten Republik für einige Zeit Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen, aber bald ausgetreten war. An  unserer Tür klebte ein amtliches tschechisches Plakat „Antifaschist“. Das half uns, bot gewissen Schutz. Eine tschechische Schule durfte ich aber nicht mehr besuchen, ich war nicht tschechisch genug.

 

Ich arbeitete in einer Bäckerei, stand nachts  um drei Uhr auf, um in der Bäckerei den Teig anzurühren; um fünf Uhr oder sechs Uhr  fuhr ich  Brot und Semmeln im Dorf aus. Das brachte uns Geld und etwas mehr zu essen. Dann arbeitete ich in einer Fleischerei. Später war ich in einer Schmiede tätig, verdiente dort mehr Geld.

 

Während wir, ohne in wirklicher Not zu sein, leidlich überlebten, brach um uns herum die Welt zusammen. Liebe Bekannte verschwanden über Nacht, wurden geholt, alle deutschen Freunde mußten weg, die einen mit Gepäck in der Hand,  andere mit fast nichts. 

 

Im September 1946 wurde auch mein „ antifaschistischer“ Stiefvater  ausgewiesen. Er hätte zur Not bleiben können, sein tschechischer Chef hatte ihm aber dringend geraten zu gehen: Deutsche haben  in der Tschechoslowakei keine Zukunft mehr, sagte er. Im Oktober 1946 verließ der Zug, er hatte 40 Waggons, Reichenberg. Nach 10 Tagen waren wir im schwäbischen Teil Bayerns.

 

Meine andere Großmutter,  die Tschechin, die Deutsch mit tschechischem Akzent sprach und deutsche Sätze nach Art der tschechischen Grammatik bildete, wurde mit uns ausgewiesen.

Mit der Großmutter zog ich auf schwäbischen Dörfern herum, Brot zu betteln, manchmal bekamen wir etwas. Manchmal hörten wir auch „Ihr Polacken geht dorthin, wo ihr hergekommen seid“. Für die Deutschen Deutschlands waren wir wieder Slawen.

 

Verglichen mit dem zerstörten Deutschland von 1946 war die damalige Tschechoslowakei  ein Paradies.  Ich schrieb noch einige Briefe in tschechischer Sprache nach Hause, es kam keine Antwort, man hatte dort wahrscheinlich andere Sorgen,  und dann, langsam, vergaßen wir alles. Glückliche Umstände brachten mir eine Lehrstelle bei den Siemens-Schuckertwerken in Nürnberg, einhundert Kilometer von der schwäbischen Stadt entfernt. Ich zog nach Nürnberg, lernte Maschinenschlosser, lebte dort allein. Später arbeitete ich bei der Firma Siemens-Schuckert, baute elektrische Maschinen, reiste als Monteur in Deutschland herum, montierte große Motoren in rheinischen Kraftwerken.  Nebenher hatte ich 1954 die deutsche Reifeprüfung abgelegt. Zur Prüfung wollte mich das Kultusministerium in München  zunächst nicht zulassen, weil ich nie ein Gymnasium, nie eine Oberschule, nur sieben Klassen einer Volksschule besucht hatte. Durch besondere Fürsprache  wurde ich zugelassen; ich bestand das Abitur, nicht glänzend, aber noch gut. 1954 begann ich in München Mathematik und Physik zu studieren. Bis 1957 arbeitete ich bei Siemens-Schuckert in Nürnberg, verdiente dort soviel Geld, um das Studium zu finanzieren. 1957 wurde ich in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen. 1959 starb die Großmutter, die mich  aufgezogen hatte, fast genau zu der Zeit,  als ich die letzte Prüfung zum Diplom in Mathematik abgelegt hatte. Ihr tschechisch gefärbtes Deutsch habe ich noch immer im Ohr.

 

Dann begann das, was man eine wissenschaftliche Laufbahn nennt. Meine Doktorarbeit hatte ich schon während der Diplomzeit in München geschrieben; später Habilitation, Mitte der 60er Jahre zogen wir nach Kalifornien. Dort war ich Gastprofessor an der Universität von Kalifornien in San Diego. Nach einem Jahr bat man mich und meinen Kollegen Josef Stoer, als Professoren für immer in Kalifornien zu bleiben. Aber ich glaubte, ich dürfe das aus patriotischen Gründen nicht tun, die Studienstiftung des Deutschen Volkes hatte mir schließlich einen  Teil des Studiums bezahlt.

1969 wurde ich Professor in Köln und wechselte 1973 an die Technische Universität München. 1973 hätte ich wieder zurück nach Kalifornien gehen können.

 

Meine tschechischen Verwandten in Nordböhmen habe ich 1977, nach 31 Jahren, besucht. In der ersten Republik waren sie angesehene Leute gewesen. Nach dem Krieg  wollten sie aber nicht der Kommunistischen Partei beitreten, und das hatte  schlimme Folgen für sie.  Alle wurden aus ihren Positionen entfernt. Der jüngste Bruder meines Vaters, ein hoher Offizier, wurde sofort aus der tschechischen Armee ausgeschlossen und mußte seinen Lebensunterhalt als Tankwart bestreiten. Der unbeugsame Charakter meiner tschechischen Verwandten hat mich tief beeindruckt.

 

Der tschechischen Sprache bin ich nicht mehr mächtig. Sie ist für mich wie eine Landschaft, in der ich einst herumgegangen bin und auf die sich für mich jetzt Dunkelheit gelegt hat. Hier und da erkenne ich noch etwas, einige Umrisse, folge bekannten Wegen, dann wieder Nacht. Aber ihr Klang ist mir vertraut, unverwechselbar, höre sie aus allen slawischen Sprachen heraus.  Der Rusalka Gesang „An den Mond“, rührt immer noch tiefe Schichten an.

Die Sprache, die man in den ersten vier Jahren seines Lebens gelernt hat, präge für das ganze Leben, meinte ein israelischer Wissenschaftler.  Für mich war das Tschechisch. Meine Frau, die kein Tschechisch versteht, sagt, sie sei eine wohllautende Sprache. Sie wird recht haben.

 

Vor 62 Jahren habe ich die alte Synagoge brennen sehen. Rufe ich die Bilder aus meinem Gedächtnis ab, sehe ich wieder die Flammen aus den Fenstern schlagen, ein paar Reichenberger stumm auf der Straße stehen, erschrocken, keine Stimme, das nahende Unheil zum Greifen.

 

Sie werden morgen dort ein neues Gebäude, eine „neue“ Synagoge  einweihen, endlich! Vielleicht werden Sie auch die Kirche der Böhmischen Brüder wieder aufbauen, zu Ehren des Jan Hus, des großen Meisters.

 

Was leuchtet heller als die Sonne? und auch sie weicht der Finsternis. Auf Wallensteins Grab in der Sankt Anna Kirche in Münchengrätz sind diese Worte in lateinischer Sprache3 eingelassen. Die Schwermut Böhmens spricht aus ihnen: hellsichtig, unübertroffen hat es Golo Mann, der große Deutsche, der auch Staatsbürger der ersten tschechischen Republik gewesen ist, in seiner großartigen Biographie Wallensteins gesagt.  Daß Finsternis nicht wiederkehre, sei unsere Hoffnung. 

 

Sie haben mich heute geehrt und mit mir meine Hochschule, die Technische Universität München, meine Mitarbeiter und meine ehemaligen Schüler.

 

Sie haben auch die  Bayerische Akademie der Wissenschaften  geehrt, deren Sekretar ich bin.

 

Und Sie haben meine Frau geehrt, meine Töchter, die auch tschechische Vornamen tragen, meine tschechischen und deutschen Verwandten, die lebenden und die toten.

 

 

Nehmen Sie meinen tiefen Dank entgegen.

 

 



[1] Wo meine Heimat ist

2 Manche besser gestellten Familien tauschten sogar ihre Kinder aus, die dann für etwa ein Jahr in der anderen
   Sprachumgebung lebten.

3 Quid lucidius sole? et hic deficiet. Ecclesiastes (Jesus Sirach) 17,30