{"id":441,"date":"2020-04-12T13:00:31","date_gmt":"2020-04-12T13:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/bulirsch.eu\/wordpress\/?p=441"},"modified":"2020-04-12T13:00:31","modified_gmt":"2020-04-12T13:00:31","slug":"reimar-luest-leben-und-werk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bulirsch.eu\/home\/reimar-luest-leben-und-werk\/","title":{"rendered":"Reimar L\u00fcst Leben und Werk"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Kriegstagebuch der deutschen Admiralit\u00e4t, 1943,<\/p>\n\n\n\n<p>2. Dienstag im Mai:<\/p>\n\n\n\n<p>Unterseeboot U 528 setzt um 11:58 Uhr eine Meldung ab:&nbsp;<em>Sind tauchunklar, erbitten sofortige Hilfe. Position: BE 6520<\/em>, das ist entschl\u00fcsselt: Biskaya, s\u00fcdwestlich von Irland. Es sollte die letzte Meldung sein. Geoffrey Jones, ein englischer Autor, hat das Ende festgehalten. Ein Flugzeug, Typ&nbsp;<em>Halifax<\/em>, ersp\u00e4ht das Boot, geht in den Sturzflug, U 528 versucht zu tauchen, es gelingt nur halb. Die Halifax wirft Wasserbomben gro\u00dfer Sprengkraft, setzt Markierungen, fliegt wieder zum eigenen Geleitzug zur\u00fcck. U 528 ist schwer besch\u00e4digt, kann aber noch tauchen. Jetzt greift die&nbsp;<em>Fleetwood<\/em>&nbsp;an. Die&nbsp;<em>Fleetwood<\/em>, ein kleines schnelles Kriegsschiff, eine Fregatte, jagt das Boot, wirft gro\u00dfe Mengen Wasserbomben; riesige Luftblasen steigen empor, \u00d6llachen bilden sich, das U-Boot taucht auf, wird mit Kanonen beschossen &#8212; und dann versinkt U 528 f\u00fcr immer bei 47 Grad Nord, 14 Grad West, rei\u00dft M\u00e4nner der Besatzung mit hinunter, 4000 m ist der Atlantik dort tief.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der 11. Mai 1943, zwischen 15:00 und 16:00 Uhr. 55 Jahre ist das her, auf den Tag genau und fast auf die Stunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1943 &#8212; Geoffrey Jones nennt ihn&nbsp;<em>Monat der verlorenen U-Boote<\/em>&nbsp;&#8212; werden 41 Boote versenkt; kein Zufall, der geheime U-Boot-Code war l\u00e4ngst dechiffriert, alle Bewegungen deutscher U-Boote \u00fcber Radar geortet worden. Milit\u00e4risch und milit\u00e4rtechnisch gesehen war der Krieg f\u00fcr Deutschland schon Ende 1942 verloren. Hohe deutsche Milit\u00e4rs wu\u00dften darum. Aber Millionen von Soldaten wurden noch geopfert, die Bl\u00fcte einer Nation hingegeben f\u00fcr nichts. Allein 760 U-Boote sind versenkt worden; 29 000 junge M\u00e4nner, die meisten um die 20 Jahre alt, haben die 760 S\u00e4rge aus Stahl auf den Grund der Weltmeere mitgenommen. 29 000, im Ozean lebendig begraben, 29 000 Trag\u00f6dien. Niemand spricht mehr davon, es geh\u00f6rt sich nicht. Ein schlechtes Zeichen f\u00fcr dieses Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei U 528 gelingt einigen M\u00e4nnern, den sicheren Tod vor Augen, der Ausstieg aus dem sinkenden Schiff in letzter Sekunde. Zwei Kriegsschiffe, die&nbsp;<em>Fleetwood<\/em>&nbsp;und die&nbsp;<em>Mignonette<\/em>&nbsp;nehmen sie auf. Die M\u00e4nner d\u00fcrfen noch einmal in das Leben zur\u00fcck. Unter den Geretteten der junge Schiffsingenieur&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>. Der 11. Mai, es wird sein &#8222;anderer&#8220; Geburtstag.&nbsp;<em>L\u00fcst<\/em>&nbsp;ger\u00e4t in englisch\/amerikanische Kriegsgefangenschaft, wahrscheinlich das beste, was einem jungen Deutschen damals \u00fcberhaupt passieren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wird in ein Kriegsgefangenenlager nach Texas verlegt, hilft dort beim Aufbau einer Lageruniversit\u00e4t. Schiffsbauer wollte er nach seinem Abitur 1941 werden, jetzt besch\u00e4ftigt ihn die Naturwissenschaft. Ein Assistent (auch er kriegsgefangen) des Frankfurter Mathematikers Madelung bringt ihm die Mathematik nahe. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft studiert&nbsp;<em>L\u00fcst<\/em>&nbsp;in Frankfurt bei Madelung und anderen, erwirbt 1949 das Diplom in Physik; sp\u00e4ter geht er nach G\u00f6ttingen zu Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Weizs\u00e4cker:&nbsp;<em>&#8230;&#8230;Ich n\u00f6tigte ihn \u00fcber das Planetensystem zu arbeiten, er sollte den Drehimpulstransport berechnen, dessen Ausrechnung mir zu schwer gewesen war&#8230;&#8230;. L\u00fcst<\/em>&nbsp;re\u00fcssiert 1951 mit der Dissertation &#8222;Die Entwicklung einer um einen Zentralk\u00f6rper rotierenden Gasmasse&#8220;. F\u00fcr unser Sonnensystem lag das freilich Milliarden von Jahren zur\u00fcck. Und vielleicht h\u00e4tte L\u00fcst doch lieber etwas anderes gemacht. Von Weizs\u00e4cker:&nbsp;<em>&#8230;&#8230;L\u00fcst aber verlie\u00df die Spekulation \u00fcber eine ferne Vergangenheit und studierte empirisch pr\u00fcfbare Eigenschaften des heutigen Gases im Planetensystem. So kam er zur extraterrestrischen Physik. &#8230;&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In den Jahren 1951 bis 1959 war Reimar L\u00fcst am G\u00f6ttinger Max-Planck-Institut f\u00fcr Physik in theoretischer Plasmaphysik t\u00e4tig. Mit seinen Kollegen Arnulf Schl\u00fcter, K. Hein und L. Davis arbeitete er \u00fcber Sto\u00dfwellen im Plasma, axialsymmetrische Plasmakonfigurationen mit Oberfl\u00e4chenstr\u00f6men, \u00fcber die Bewegung geladener Teilchen in Magnetfeldern. Er war Fullbright-Stipendiat am Enrico Fermi-Institut in Chicago, war in Princeton und am Courant-Institut f\u00fcr Angewandte Mathematik in New York. Bei Courant war er Gastprofessor f\u00fcr &#8222;Mathematik&#8220;, Astrophysikalische Themen interessieren ihn, mit Biermann arbeitete er \u00fcber Kometen, \u00fcber die Sonne, ihre Korona. 1961 habilitierte er sich in theoretischer Physik an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen. Er wird wissenschaftliches Mitglied des M\u00fcnchner Max-Planck-Instituts f\u00fcr Physik und Astrophysik, ist Gastprofessor an der Technischen Hochschule von Massachusetts, dem MIT, und der Technischen Hochschule in Pasadena, genannt CAL-Tech.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1960 beschlossen Biermann, Heisenberg und der damalige Minister Siegfried Balke, da\u00df sich die Bundesrepublik auch an der Weltraumforschung beteiligen m\u00fcsse.&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;soll eine solche Gruppe am Max-Planck-Institut aufbauen. 1961 beginnen die Arbeiten. Wenige Jahre sp\u00e4ter wird&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;international bekannt: Seine einzigartigen Experimente machen das Magnetfeld der Erde sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Stufenleitern von&nbsp;<em>L\u00fcsts<\/em>&nbsp;Laufbahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wird wissenschaftlicher Sekret\u00e4r der (wissenschaftlichen) Arbeitsgruppe der europ\u00e4ischen Kommission f\u00fcr Weltraumforschung, dann der erste wissenschaftliche Direktor dieser Institution und sp\u00e4ter der ESRO, der europ\u00e4ischen Organisation der Weltraumforschung. 1965 wird er Honorarprofessor an der Technische Universit\u00e4t M\u00fcnchen, damals trug sie noch den ehrbaren Titel&nbsp;<em>Technischen Hochschule<\/em>. Im gleichen Jahr beruft ihn der Bundespr\u00e4sident in den Wissenschaftsrat, 1969 \u00fcbernimmt er den Vorsitz. 1972 wird er zum Pr\u00e4sidenten der Max-Planck-Gesellschaft gew\u00e4hlt. In der &#8222;Zeit&#8220; las man dazu:&nbsp;<em>&#8230;&#8230;Die Max-Planck-Gesellschaft wollte eine Wunderwaffe f\u00fcr schwere Zeiten finden. &#8230;&#8230;<\/em>Die Zeiten in den siebziger Jahren, sie waren in der Tat schwer f\u00fcr die Wissenschaft. Der neue Pr\u00e4sident,&nbsp;<em>diese unnachahmliche Mischung von Freundlichkeit und H\u00e4rte<\/em>, wie ihn ein Bundesminister nannte, steuert die Max-Planck-Gesellschaft zw\u00f6lf Jahre lang um alle Untiefen erfolgreich herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur nebenbei: Das internationale Zentrum f\u00fcr Management in Lausanne, k\u00fchl bis kalt kalkulierende Leute ohne Emotionen &#8212; es geht ja auch um die Anlage von Geld &#8212; stufen die hiesige Forschung und Technologie auf Platz 3 in der Weltrangliste ein. Nach den USA und asiatischen L\u00e4ndern. Kein Grund zur Selbstzufriedenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>1984 wird L\u00fcst zum Generaldirektor der Europ\u00e4ischen Raumfahrtagentur, der ESA, gew\u00e4hlt. Weltraumtechnik. Ambros Speiser, angesehener Ingenieur an der ETH Z\u00fcrich, nennt sie&nbsp;<em>die K\u00f6nigsdisziplin der Ingenieure<\/em>. Alle Teilgebiete der Technischen Wissenschaften werden hier bis an die Grenzen ihrer M\u00f6glichkeiten gefordert. Die heutige Computertechnik ist ohne Weltraumtechnik undenkbar. Noch in seiner Amtszeit als ESA-Chef wird&nbsp;<em>L\u00fcst<\/em>&nbsp;zum Pr\u00e4sidenten der Alexander von Humboldt &#8211; Stiftung, Deutschlands hochangesehener Institution, berufen. Was die Stiftung f\u00fcr das Ansehen Deutschlands im Ausland leistet, ist im Inland nur wenig bekannt. Deutsche Botschafter haben es berichtet: die Stiftung ist f\u00fcr Deutschland mehr wert als das viele andere, was Deutschland im Ausland sonst kulturell aufbietet. F\u00fcr ihre so au\u00dferordentlich wichtigen Aufgaben kann man der Stiftung gar nicht genug Geld geben.&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>, als kultureller Botschafter Deutschlands reist er jetzt um die Erde; aus Peru ist er gerade zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;lebte und lebt f\u00fcr die Wissenschaft: als Theoretiker, als Experimentator, als Institutsdirektor, als Administrator, als Kapit\u00e4n einer gro\u00dfen Forschungsorganisation, als Pr\u00e4sident einer ber\u00fchmten Stiftung. Gro\u00dfe Rollen,&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;hat sie vollkommen ausgef\u00fcllt. Viele Auszeichnungen sind ihm zuteil geworden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;wurden verliehen<\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Verdienstorden mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bayerische Verdienstorden<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen<\/p>\n\n\n\n<p>Der Adenauer-de Gaulle-Preis<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist Offizier der franz\u00f6sischen Ehrenlegion<\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde ausgezeichnet mit der Medaille&nbsp;<em>M\u00fcnchen<\/em>&nbsp;leuchtet<\/p>\n\n\n\n<p>Verliehen wurde ihm: das Komturkreuz vom Spanischen Orden Isabel la Cat\u00f3lica<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist Tr\u00e4ger des Bayerischen Maximiliansordens f\u00fcr Wissenschaft und Kunst<\/p>\n\n\n\n<p>Und da sind noch viele andere Auszeichnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besondere Ehre wird ihm 1991 zuteil: Die Internationale Astronomische Union benennt den Asteroiden 4386 nach&nbsp;<em>L\u00fcst<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Weg: Vom &#8222;Beinahe-Tod&#8220; im Atlantischen Ozean \u00fcber einen Weltraumsatelliten als Tr\u00e4ger von&nbsp;<em>L\u00fcsts Experimenten<\/em>&nbsp;bis zu diesem St\u00fcck Unsterblichkeit 4386 drau\u00dfen im All, das den Namen&nbsp;<em>L\u00fcst<\/em>&nbsp;um die Sonne tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;ist ein ber\u00fchmter Mann. Noch viel mehr seiner Freunde und Verehrer w\u00e4ren heute gekommen, das festgelegte Datum, der 11. Mai,&nbsp;<em>Reimar L\u00fcsts<\/em>&nbsp;anderer Geburtstag, machte es ihnen unm\u00f6glich. Auch Herr Ministerpr\u00e4sident Stoiber wollte hier sein, in einer Ansprache die herausragenden Verdienste des Wissenschaftlers&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;w\u00fcrdigen und einmal mehr die besondere, auch politische Bedeutung der Raumfahrt deutlich machen. Aber er hat heute unab\u00e4nderliche Verpflichtungen zu erf\u00fcllen, Verpflichtungen, die schon lange vorher festgelegt waren, und die ihn heute von M\u00fcnchen weggef\u00fchrt haben. Seine besten W\u00fcnsche begleiten das Festkolloquium, und er \u00fcbermittelt Ihnen allen und ganz besonders Herrn&nbsp;<em>Prof. Dr. L\u00fcst<\/em>&nbsp;seine herzlichen Gr\u00fc\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Reimar L\u00fcst<\/em>&nbsp;liebt H\u00e4ndels Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Einst in Venedig, es war auf einem Maskenball, spielte der junge H\u00e4ndel Cembalo. Er ist verkleidet, niemand erkennt ihn. Der gro\u00dfe Domenico Scarlatti h\u00f6rt den Cembalisten und ruft den anderen zu:&nbsp;<em>Das kann nur der ber\u00fchmte Sachse &#8212; il celebre sassone &#8212; sein oder der Teufel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In H\u00e4ndels Oratorium&nbsp;<em>Judas Maccabaeus<\/em>&nbsp;wird der Held bei seinem Einzug in Jerusalem hymnisch gefeiert. Der Israeliten Lobgesang wurde zum gro\u00dfen deutschen protestantischen Kirchenlied.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ndels Musik f\u00fcr&nbsp;<em>Reimar L\u00fcst<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Kriegstagebuch der deutschen Admiralit\u00e4t, 1943, 2. Dienstag im Mai: Unterseeboot U 528 setzt um 11:58 Uhr eine Meldung ab:&nbsp;Sind tauchunklar, erbitten sofortige Hilfe. Position: BE 6520, das ist entschl\u00fcsselt: Biskaya, s\u00fcdwestlich von Irland. Es sollte die letzte Meldung sein. Geoffrey Jones, ein englischer Autor, hat das Ende festgehalten. 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